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die Gesellschaft im Spätmittelalter wurde zunehmend herausgefordert durch die wachsenden Kräfte von Handel und Kapitalismus. Die Autorität der Kirche stand in der Kritik; und ihr Mißbrauch von Privilegien und Macht war der Grund für große Unzufriedenheit. Vielen schien es, als habe die Kirche von den ursprünglichen Idealen und dem frühen Geist des Christentums Abschied genommen.

Monk and mistress in the stocks

Die Kritik an der spätmittelalterlichen Kirche zielte oft auf klösterliche Einrichtungen: Die Darstellung eines in einen Holzkasten gesperrten Mönches mit seiner Geliebten - zur Verhöhnung durch Vorbeikommende.

Die Menschen begannen, außerhalb der traditionellen Kirche nach neuen Wegen für ein frommeres Leben zu suchen.

Luther In 1517 Martin Luther nagelte seine 95 Thesen an eine Kirchentür in Wittenberg und konfrontierte die Kirche mit ihrer Bestechlichkeit in Hinblick auf den praktizierten Ablaßhandel. Mit dieser Aktion entfesselte Luther die Kräfte der Reformation, der Gegenreformation und den Triumph des Protestantismus in Nordeuropa, und damit auch eine Ära beispiellosen religiösen und politischen Aufruhrs, die das Mittelalter beendeten. Die blutigen Religionskriege dauerten fast einhundert Jahre, und endeten schließlich in Deutschland mit dem Dreißigjährigen Krieg. Dieser zerstörerische Krieg, dessen Ende 1648 mit dem Westfälischen Frieden in Münster besiegelt wurde, hatte unzählige Leben gekostet und unbeschreibliche Leiden verursacht.

Painting of the Peace of Westphalia

Ausschnitt aus einem Gemälde von Gerard Terbroch (1617-1681): Der Schwur auf den westfälischen Frieden(1617-1681)

Und so war die moderne Ära geboren, mit neuen Institutionen und Gesetzen, die den Bedürfnissen der frühen Nationalstaaten entsprachen.

Calvin Schon John Calvin (1509-1564) hatte neue Prioritäten in der politischen Lehre gesetzt, indem er Staatsmodelle entwickelte, die auf biblischen Prinzipien und ziviler Autorität basierten. Er betrachtete das Gesetz als unverzichtbares Werkzeug, um sicherzustellen, daß die Menschen ein frommes christliches Leben führten. In Genf, in das ihn die protestantischen Stadtvertreter eingeladen hatten, verhängte er einen strengen, kompromißlosen Moralkodex über die Bevölkerung. Er verbot Glücksspiele, Trinken und Fluchen; die Teilnahme an Gottesdiensten war Pflicht, die Durchsetzung der sogenannten 'Blauen Gesetze' war wirkungsvoll und die Bestrafungen hart.

Calvins Theorien sollten für die Gesellschaft im modernen Europa die neue politische Basis werden. Überall im katholischen und protestantischen Europa bewirkten die Reformation und die neuen politischen Verhältnisse eine zunehmende Regulierung öffentlichen und privaten Lebens, aber nirgendwo so stark wie in Deutschland: Gesetze wurden eingeführt für Handel und Wirtschaft, berufliche Ethik, Religion, Medizin, soziale Einrichtungen, sexuelles Verhalten und Bettelei.

Vorchristlicher Glaube wurde gleichgesetzt mit Hexenzauberei und war während der furchtbaren Religionskriege das Opfer umfassender Verfolgung, und vielerorts setzte sich diese auch im Frieden fort.

Witchburning

Miniaturdarstellung einer Hexenverbrennung im 16. Jahrhundert: Diese Praxis war in einer Ära des Wandels und psychologischer Unsicherheit weit verbreitet

In Lemgo, einer Stadt in der Nähe von Lügde, verurteilte in den Sechziger und Siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts der Bürgermeister Hermann Cothmann unzählige Unschuldige, hauptsächlich Frauen, zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Glücklicherweise hat der Osterräderlauf diese hysterischen, unterdrückerischen Zeiten der Frömmigkeit überstanden, und die Versuche von verschiedenen zivilen und kirchlichen Offiziellen, den Osterräderbrauch zu verbieten, scheint an den Menschen in Lügde unbeschadet vorbeigegangen zu sein.

Am 21. April 1743, so zeigen Aufzeichnungen, besuchte der Vikar von Wiedenbrück den Stadtrat und den Bürgermeister von Lügde, Wolfgang Barkhausen, um den Osterräderlauf zu verbieten. Als Grund gab er an, daß der Brauch eine Sünde sei und den Menschen schade. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, ob jemals Strafen verhängt wurden wegen Ungehorsams gegenüber dem Gebot des Vikars, und wir können daraus schließen, daß es eher ignoriert als befolgt wurde.

Pious vs boisterous villagers

Eine Gravierung: Der Kontrast von frommen Kirchengängern und ausgelassenen Städtern, die dem Trinken, Essen und amorösen Abenteuern frönen

Bischof von PaderbornEin weiterer erfolgloser Versuch, den Osterräderlauf zu verbieten, diesmal durch den Bischof von Paderborn, Wilhelm Anton von Asseburg, geschah am 12. April 1781. Der Bischof war bekannt für seine „puritanische" Einstellung; unter anderem versuchte er, in seiner Diozöse den Konsum von Kaffee und alle Arten von Volksfesten und -prozessionen zu verhindern. In seinem Edikt, verhängt in seinem Amtssitz Schloß Neuhaus, ist zu lesen:

"Von Gottes Gnaden, Wir Wilhelm von Asseburg Bischof zu Paderborn. Thun kund und verfügen hiermit zu wissen, daß an vielen Orten unseres Hochstiftes als ein uralter Gebrauch hergebracht ist, daß auf den heiligen Ostertag gegen Abend ein sogenanntes Feuer angzündet wird, hierbey aber allerley Ausschweifungen begangen werden. Wir uns daher bewogen finden, sothanes Osterfeuer durchgehendes ohne einige Ausnahmen abzuschaffen und zu verbieten, mit dem ernstlichen Befehl, daß, wenn ungeachtet dessen oder mehrere sich dennoch unterstehen sollten, ein solches Feuer anzuzünden, nicht allein die Urheber, und welche dazu Holz und Stroh und andere Materialien herbeigebracht haben, in fünf Taler fällig erkläret."
Wie schon vorher, ignorierten die Menschen in Lügde das bischöfliche Verbot, und ihr traditionsbestimmte Leben in den ländlichen Siedlungen ging weiter wie zuvor, abgesehen von der wachsenden Kraft wirtschaftlicher Veränderungen und der Zentralisierung von politischer Macht. Der Osterräderlauf sollte unverändert für fast einhundert Jahre fortgesetzt werden, bis sich die Triebkraft der Industriellen Revolution als unaufhaltsam erwies.

Railways and the Industrial Revolution

Der Eisenbahnbau begann in Deutschland 1853 und sollte das ausgedehnteste Verkehrsnetz in Europa werden

Die Eisenbahn hatte auch Lügde erreicht, und 1872 blockierten ihre Schienenstränge einen der Hänge des südlichen Kirchbergs, auf dem bis dahin ein Teil der Osterräder hinuntergerollt waren. 1902 wurde eine andere der ehemals drei Routen der Räder durch den Fortschritt des Eisenbahnbaus blockiert; dieses Mal traf es den Osterräderlauf am nördlichen Kirchberg. Von dieser Zeit an laufen die Osterräder nur noch vom Osterberg hinab ins Tal.

Abgesehen von den Beeinträchtigungen durch den technischen Fortschritt, laufen bis heute die Räder genauso den Osterberg hinunter, wie sie es bis 1933 getan hatten, als die Nazis den Brauch für ihre Propagandazwecke pervertierten. nächste Seitevorherige SeiteSeitenanfang

Querverweise:

The Reformation and Counter-Reformation
by James Jackson
nur in englisch

The Reformation and its leaders
ein hervorragendes Online-Universitätsseminar
nur in english

Projekt Wittenberg
Quellen zu Martin Luther

The Catholic Encyclopedia
Biographie über John Calvin
auch in deutsch

John Calvin's Institutes of the Christian Religion
Kapitel 20, Calvin's Ansichten über zivile Regierungen
nur in englisch

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